Gründer
Aktivist

Marja Nieuwveld

Über ein Leben an Quelle und Mündung des Rheins, den Gotthard als Herz der Welt und wie sie lernte, zu fließen wie das Wasser.

Was wir flussaufwärts tun, kommt flussabwärts an
Aus
Niederlande
Wer ist unser Gast? 
Marja Nieuwveld

Marja Nieuwveld ist gebürtige Holländerin, Wasserbotschafterin und Präsidentin von Gotthard-Connects in Andermatt, Schweiz. Sie setzt sich für den Schutz der Quellen ein, ist Initiatorin des Internationalen Wassersymposiums und eröffnet neue Blickwinkel auf Wasser und Gesundheit.

Warum ich unseren Gast interviewe

Rund um den Gotthard entspringen vier Flüsse, die bis in die Nordsee, die Adria und das Mittelmeer fließen. Doch selbst an diesen Quellen liegt Abfall, und was dort geschieht, fließt weiter. Gerade hier Menschen zusammenzubringen, die sich für das Wasser einsetzen und von ihm lernen wollen, trägt zu einem neuen Bewusstsein bei.

Was dich erwartet

In dreißig Tagen von der Quelle bis zum Meer, Taucher in hochalpinen Seen und ein Sprung ins Ungewisse. Dazu ein Symposium, bei dem Wissenschaft auf Erleben trifft, und ein einfaches Ritual unter der Dusche.

Der Interviewer
Oliver Wegner
Gründer von water.day

Nach über 25 Jahren in der IT-Branche widme ich meine Zeit heute einem Thema, das mir wirklich am Herzen liegt: Wasser – die wichtigste und zugleich am meisten unterschätzte Ressource unseres Planeten. 💧
Meine Neugier treibt mich an, Persönlichkeiten zu treffen, deren Erkenntnisse und Geschichten uns alle dazu inspirieren können, wieder eine Verbindung zum Wasser aufzubauen.

Der Rhein verbindet deinen Geburtsort an der Mündung mit deiner Wahlheimat an der Quelle. Was bedeutet es für dich, an beiden Enden desselben Flusses zu Hause zu sein?
Das ist eigentlich Schicksal. Ich bin gebürtige Holländerin, in Rotterdam geboren, und Wassermann bin ich auch. Das Leben hat mich immer geführt, und das ist kein Zufall, wenn die Brotkrumen so offensichtlich sind. Eines der besonderen Zeichen in meinem Leben ist mein Muttermal auf dem linken Oberarm. Es hat die Form der Rheinquelle. Mein Name Nieuwveld heisst übrigens „das neue Feld“. Das Wasser hat mich stets begleitet. Mit drei Wochen war ich das erste Mal in Andermatt in der Schweiz, und bis heute pendle ich zwischen Mündung und Quelle. 2020 habe ich den Rhein begleitet, mit dem Fahrrad, schwimmend, im Kanu, zu Fuß. Ein Regentropfen braucht von der Quelle bis zur Mündung 31 Tage. Ich war 30 Tage unterwegs. Vor dieser Reise war mein Leben geprägt von Ambition, Stress und Unternehmergeist. Von diesem Zeitpunkt an habe ich gelernt zu fließen wie das Wasser. Wenn du eine Leidenschaft hast, muss sie fließen und sich ihren Weg suchen wie das Wasser, um Hindernisse herum oder über sie hinweg.
Auf deiner Website schreibst du, dass du 2011 der Anziehungskraft des Gotthards in der Schweiz nicht mehr widerstehen konntest. Was macht diese Anziehung für dich aus?
Für mich ist das Leben elektromagnetisch. Da ist die explosive Schöpfungsenergie, die man im Frühling spürt oder ganz deutlich am Wasserfall. Und da ist die magnetische Kraft, die Anziehung. Diese Anziehungskraft des Gotthards war für mich unausweichlich. Als Teenager habe ich geweint, als ich nach den Ferien zurück nach Rotterdam musste. Es fühlte sich an, als würde man mir das Herz herausreißen. Dann habe ich ein Jahr gewartet, bis ich wieder zu meinem geliebten Gotthard und zu meinem Wasser konnte. Irgendwann hat das Leben alles in Bewegung gesetzt. Alle Brücken in Rotterdam wurden abgebrochen, ohne mein Zutun. Da habe ich gemerkt: Wenn mich hier nichts mehr hält, muss ich dorthin. Ich habe den Sprung gewagt, ohne jede Sicherheit. Ich hatte keine Wahl. Ich musste dahin.
Am Gotthard entspringen Flüsse, die in alle vier Himmelsrichtungen fliessen. Was erzählt dir dieser Ort über Wasser und über uns Menschen?
Die Schweiz ist eines der wenigen Länder mit einer quadratischen Fahne. Das Kreuz ist für mich das Sinnbild des Herzens, das in vier Richtungen wirkt. Unser Herz ist der Taktgeber im Körper, und das spüre ich hier im Feld. Ich bin Holländerin und darf übertreiben: Hier ist das Herz der Welt. Von hier fließt Wasser durch Europa: der Rhein in die Nordsee, die Reuss in den Rhein, der Ticino in die Adria, die Rhone ins Mittelmeer. Darum heißt das Gotthardgebiet _das Wasserschloss Europas_. Das Wasser verbindet hier vier Kulturen: das italienische Tessin, das französisch geprägte Wallis, das deutschsprachige Uri und das rätoromanische Graubünden. Für uns Menschen gibt es zwei Bausteine: Verbindung mit dem Körper und der Natur. Und Authentizität, unsere Einzigartigkeit. Wir sind genial, wenn wir sie leben und uns ein Beispiel am Wasser nehmen: nicht mit dem Kopf durch die Wand, sondern drumherum fließen.
Jedes Jahr lädt dein Verein zum Gotthard Cleanup Day ein, bei dem sogar Taucher im Einsatz sind. Warum braucht es ihn ausgerechnet dort, wo das Wasser entspringt?
Auf dem Gotthardpass gibt es enorm viel Abfall, denn sehr viele Menschen fahren über die Pässe. Wer in den Bergen wandert, nimmt seinen Abfall mit nach Hause. Aber manche spüren keine Naturverbundenheit, und da setzen wir an. Weil auf den Pässen meist Seen liegen, arbeiten wir seit drei, vier Jahren mit rund 20 Tauchern. Früher hat das Militär am Gotthard und am Oberalppass geübt, genau dort, wo die Quellen entspringen. Deshalb waren dieses Jahr sogar Militär und Helikopter im Einsatz. Und mein Lieblingsthema: Zigarettenstummel. Einer kann bis zu 1.000 Liter Wasser verunreinigen. Da schmerzt mein Herz. Ich glaube nicht an böse Absichten, die Menschen wissen es nicht besser. Den Freiwilligen sage ich immer: Ärgert euch nicht. Sonst räumt ihr auf der materiellen Ebene auf, verschmutzt dabei aber auf der energetischen Ebene das Feld. Macht es mit Freude und Dankbarkeit.
Gotthard_Cleanup Day
Persönliche Einblicke
Lerne unseren Gast kennen

Erfahre mehr über die Person hinter den Antworten.

Lieblingsort
Die Gotthard-Region - das Herz der Welt
Lieblingsbuch
The Fourth Phase of Water - Gerald H. Pollack
Lieblingssong
I will always love you - Whitney Houston
Ein Rat fürs Leben
Folge deinen Füßen und höre auf dein Herz
Größte Herausforderung
Sich in Geduld üben
Lieblingsfilm/-serie
Romantische Weihnachtsfilme das ganze Jahr über
Du bist Initiatorin des Internationalen Wassersymposiums, das das zweite Mal Ende November in Andermatt stattfindet. Wie kam es zu dieser Idee, und was wünschst du dir, dass die Menschen mitnehmen?
Ich war mit dem Eventplaner Marco Rossi unterwegs und erzählte von meiner Leidenschaft: Das Wasser soll eine Stimme bekommen. Plötzlich sagte er: Dann machen wir doch ein Event! Da fing es an zu sprudeln. In zwei Monaten standen Location, Website und Line-up. Vor etwa fünf Jahren hatte ich geträumt, einmal große Events zu organisieren, wo alle Welten zusammenkommen. Was die Menschen mitnehmen, zeigten mir die Rückmeldungen im letzten Jahr: Viele waren am Ende des Tages nicht müde. Für mich ein Zeichen, dass ein Flow drin war und die Energie in Balance. Auf einer Messe ist Verkaufsenergie im Saal, und man kommt häufig ausgelaugt heraus. Hier wurde einfach Leidenschaft geteilt. Die Informationen sind auf hohem Niveau und auch für Laien gut verständlich, denn jeder muss es verstehen können. Ich möchte jedes Jahr wasserliebende Menschen zusammenbringen. Das ist eine unglaubliche Power.
Auf deinen Symposien bringst du Forschung, Medizin, Kunst, Politik und Unternehmertum zusammen und mittendrin die Teilnehmenden. Was wird möglich, wenn sich diese Welten begegnen?
Ich glaube an Wunder. Und ich glaube, dass sich Träume verwirklichen, wenn so viele Menschen ihr Herzblut an einem Ort zusammenbringen, der von der Energie der Region noch katalysiert wird. Im Gotthardgebiet finden wir Bergkristalle, die in ihrer Transparenz weltweit einzigartig sind. Die Wissenschaft kann Wasser bis zu einem bestimmten Grad erklären, danach bleiben Fragezeichen. Wasser ist so rebellisch: Es macht vieles, was es eigentlich gar nicht können dürfte. Ich verbinde meinen Kopf mit meinem Bauchgehirn, dem Ursprungsgehirn, und mit meinem Herzgehirn. Wo man mit dem Denken nicht mehr weiterkommt, muss man auf die Ebene des Erfahrens gehen. Genau das machen wir mit dem Symposium. Man kann Wasser anfassen, mit ihm spielen, Klänge erzeugen und mit Virtual Reality erfahren, dass man selber Wasser ist. Und die Referenten und Aussteller teilen ihr Wissen. So bringen wir die Welten zusammen.
Frage zum Mitnehmen
Welche Kraft haben Rituale für dich, und was würde sich für Menschen verändern, wenn sie sich mit einem einfachen Ritual im Alltag wieder mit Wasser verbinden?
Ein großes Ritual habe ich nicht. Ich bin wie ein kleines Kind, ich spiele. Rituale sind für mich oft etwas, das man tun muss. Ich bin dabei, vieles Gelernte wieder zu vergessen, damit ich offen und neugierig die neue Welt, das neue Feld, entdecken kann. Unter der Dusche, aus der bei mir Quellwasser kommt, singe ich aber ein paar Minuten: “Every little cell in my body is happy and well.” Danach bin ich hellwach und meine Zellen tanzen. Das ist für mich Fluss. Morgens auf dem Balkon bin ich dankbar, im Herzen der Welt wohnen zu dürfen. Ich bin Wasser, draußen ist Wasser, da gibt es keine Grenze. Wenn Menschen im Einklang mit der Natur leben und Dankbarkeit praktizieren, passiert ganz viel. Der erste Schritt ist der eigene Körper: Fliesst das Wasser in mir, oder steht es still?
Wichtige Erkenntnisse & Zitate

Was uns aus diesem Gespräch besonders in Erinnerung geblieben ist.

Marja Nieuwveld lebt an beiden Enden des Rheins und hat gelernt, wie Wasser zu fließen. Das Gotthardgebiet - das Wasserschloss Europas, ist für sie das Herz der Welt. Dort schützt sie Quellen mit Freude und lädt zum Internationalen Wassersymposium ein, um Wasser mit Kopf, Bauch und Herz zu erfahren.

Was wir an der Quelle schützen, fließt weiter.
Ich bin Wasser, draußen ist Wasser, da gibt es keine Grenze.
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