
Justina Muchelenje
Wie die Dinge, die wir täglich kaufen, still und leise das Wasser aus weit entfernten Gemeinden verbrauchen und was es bedeutet, Fairness einzufordern.
Alles, was du besitzt, hat eine Wassergeschichte. Kennst du deine?
Who is our guest?

Von Sambia nach Oxford - Justina Muchelenjes Weg über Umwelt- und Sanitärtechnik führte sie zu einem Masterstudium in Wasserwissenschaft, -politik und -management. Bei Water Witness International in Edinburgh arbeitet sie nun am Programm „Fair Water Footprints“, das darauf abzielt, die Wassernutzung in globalen Lieferketten nachhaltig, gerecht und fair für alle zu gestalten.
Why are we interviewing our guest?
Vom Kakao in Westafrika bis zu den Spargelfeldern in Peru: Die Produkte, die wir konsumieren, haben versteckte Wasserkosten, die oft von Gemeinden getragen werden, die selbst keinen Zugang zu sauberem Wasser haben. Justina geht dieser Spur nach.
What to expect
Zahlen, die wachrütteln, Geschichten von Malawi bis Peru und ein klarer Appell: Deine Stimme am Ende der Lieferkette hat mehr Gewicht, als du denkst.
The interviewer

Oliver Wegner
After 25+ years in tech, I'm dedicating my time to something that truly matters: water, our planet's most vital and overlooked resource. 💧 I'm driven by curiosity to meet changemakers whose insights and stories might inspire us all to reconnect with water.
Viele Menschen glauben, ihr Wasserverbrauch endet am Wasserhahn. Was übersehen sie dabei?
Als ich meine berufliche Laufbahn begann, dachte ich auch, dass unsere Beziehung zum Wasser am Wasserhahn endet. Ich wusste nicht einmal, woher mein Wasser eigentlich kam. Aber denke mal darüber nach: Das Wasser aus dem Wasserhahn muss ja irgendwoher kommen, und das Wasser, das dein Haus verlässt, muss irgendwohin fließen, aufbereitet werden und wieder zurückkommen. Es ist ein Kreislauf.
Und dann ist da noch alles andere. Die Lebensmittel, die wir essen, die Kleidung, die wir tragen, all die verschiedenen Produkte, die wir verwenden. Für all das wird Wasser benötigt. Für die Produktion einer Avocado werden etwa vier Badewannen voll Wasser benötigt. Für 100 Gramm Schokolade sind es sogar etwa 16 Badewannen.
Sobald man sich das bewusst macht, wird klar, dass Wasser in fast allem steckt, was wir täglich nutzen. Es hört nicht einfach am Wasserhahn auf. Es ist unsichtbar, aber es ist überall.

Was bedeutet ein „fairer Wasser-Fußabdruck“ eigentlich und was macht ihn unfair?
Die meisten Menschen haben schon einmal von dem CO₂-Fußabdruck gehört, doch bei Wasser ist das anders. Wasser ist eine endliche, erneuerbare Ressource. Es geht nicht darum, weniger davon zu verbrauchen, sondern es auf nachhaltige, gerechte und widerstandsfähige Weise zu nutzen, um künftige Generationen zu schützen.
Ein fairer Wasser-Fußabdruck bedeutet, dass bei der Wassernutzung innerhalb von Lieferketten – bei der Produktion von Lebensmitteln, Materialien und allem, was wir verwenden – keinerlei Umweltverschmutzung entsteht, die Wasserentnahme nachhaltig und gerecht erfolgt, Natur und Ökosysteme geschützt werden und jeder Zugang zu Wasser, sanitären Einrichtungen und Hygiene (WASH) hat. Dies bedeutet auch, Resilienz gegenüber Überschwemmungen, Dürren und Wasserkonflikten aufzubauen.
Kurz gesagt: Ein Wasserfußabdruck wird ungerecht, wenn die Vorteile nur von einigen wenigen genossen werden, während die Risiken auf andere Menschen und Gemeinschaften abgewälzt werden. Man denke nur an Avocados, die in wasserarmen Regionen angebaut werden. Wiir genießen sie im Supermarkt, ohne an die Gemeinschaften zu denken, die keinen Zugang zu sauberem Wasser haben, weil dieses für den Anbau der Avocados verwendet wird.
Kannst du uns ein konkretes Beispiel nennen, bei dem ein ungerechter Wasser-Fußabdruck Leben zerstört oder Menschen zu einer unnötigen Veränderung gezwungen hat?
Aus unserer Forschung lassen sich zahlreiche Beispiele anführen. Das erste betrifft den Kakao in Westafrika. Die westafrikanischen Länder liefern etwa 40 % des Kakaos, der von fast jeder erdenklichen Marke verwendet wird. In diesen Bauerngemeinden ist das Menschenrecht auf Wasser und sanitäre Einrichtungen stark eingeschränkt. Eine milliardenschwere Industrie, deren Produkte wir täglich genießen, beeinträchtigt tatsächlich die grundlegendsten Rechte der Menschen.
Das zweite Beispiel ist das Ica-Tal in Peru – einer der trockensten Orte der Erde, geprägt von Wüstengebieten und kargem Land. Dennoch ist es einer der weltweit führenden Produzenten von Spargel, Heidelbeeren und Weintrauben. Zur Bewässerung der Felder wird Grundwasser gepumpt, während die dort lebenden Gemeinden nach wie vor keinen Zugang zu Wasser und sanitären Einrichtungen haben.
Sie müssen Wasser auf inoffiziellen Märkten kaufen, weil sie auf ihrem Gelände keinen Zugang zu sicher aufbereiteten Wasser haben – und das, obwohl sie von einem milliardenschweren Geschäft umgeben sind, das Lebensmittel für den Globalen Norden produziert. So sieht ein ungerechter Wasser-Fußabdruck in der Realität aus.

Water Witness recherchiert, führt Kampagnen durch und unterstützt rechtliche Schritte. Wie bewirkt diese Kombination tatsächlich Veränderungen?
Es dreht sich alles um Beweise. Die von uns gesammelten Beweise sollen Wirkung zeigen und die politische Debatte verändern, damit die Menschen Wasser nicht mehr nur als etwas betrachten, das aus dem Wasserhahn kommt. Ohne diese Beweise? Warum sollte dann überhaupt jemand einen fairen Wasser-Fußabdruck fordern? Es braucht Beweise.
In Malawi haben wir mithilfe von Forschungsarbeiten untersucht, welche Auswirkungen eine Zuckerplantage auf die Gemeinden hat. Derzeit läuft vor britischen Gerichten ein Verfahren, in dem geprüft wird, wie ein Unternehmen seine eigene Klimaresilienz gestärkt hat, während die Gemeinde bei einer Überschwemmung schutzlos blieb. Ein Urteil zur Unternehmensverantwortung in diesem Fall hätte große Bedeutung für den Schutz der Menschenrechte in Lieferketten.
Wir führen auch öffentliche Kampagnen durch. Gerade haben wir „Inequality by the Gallon“ gestartet. Und wir sind in afrikanischen Ländern wie Äthiopien, Malawi und Tansania vor Ort tätig, wo wir gemeinsam mit Regierungen und Gemeinden Lösungen entwickeln, denn wenn man selbst von den Problemen betroffen ist, braucht man diese Handlungsfähigkeit, um seine Stimme zu erheben und seine Rechte einzufordern. All diese Ebenen zusammen ermöglichen es uns, politische und persönliche Narrative zu verändern.
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Fast Fashion, Lebensmittel, Handys – all das konsumieren junge Menschen im Globalen Norden. Inwieweit hängt das direkt mit der Wasserknappheit in Ländern wie Malawi oder Äthiopien zusammen?
Der Zusammenhang ist sehr direkt und viel enger, als die meisten Menschen glauben. Aufgrund des Klimawandels sind Länder wie Malawi und Äthiopien bereits mit schwereren Dürren und Überschwemmungen konfrontiert. Wasser ist nicht mehr so reichlich vorhanden wie früher. Hinzu kommt, dass jedes Produkt, das wir aus diesen wasserarmen Regionen konsumieren, Wasser verbraucht, das eigentlich den dortigen Gemeinden zur Verfügung stehen sollte.
Denk an ein T-Shirt. Die Baumwolle stammt vielleicht aus Äthiopien. Unsere Forschung hat den gesamten Lebenszyklus und den Wasser-Fußabdruck der Textilindustrie dort untersucht. Und darüber hinaus: die Secondhand-Kleidung, die wir wegwerfen, landet ebenfalls im Globalen Süden und bringt ihre eigene Wasserbilanz mit.
Was Mobiltelefone angeht, konzentriere ich mich derzeit auf die Lieferketten im Bergbau. Der Vorstoß in Richtung grüner Wandel treibt die Nachfrage nach kritischen Mineralien an, doch in den Gemeinden, aus denen diese Mineralien stammen, führt dies zu saurem Grubenwasser, Flussverschmutzung und Wasserknappheit. Die Last wird von den Unternehmen, die diese Mineralien abbauen, auf Gemeinden verlagert, die sich nicht selbst schützen können. Unser Konsum ist der Motor all dessen, und die Marken, die wir kennen und lieben, können es besser machen.
Wie schafft es Water Witness, junge Menschen über die reine Sensibilisierung hinaus zu echten Fürsprechern für einen fairen Wasser-Fußabdruck zu machen – und welche Erkenntnisse habt ihr darüber gewonnen, was dabei funktioniert?
Eines möchte ich gleich vorwegnehmen: Geht nicht davon aus, dass junge Menschen bereits verstehen, wovon wir sprechen. Die Sprache muss verständlich sein, und nur weil jemand über die Informationen verfügt, heißt das noch lange nicht, dass er auch handelt. Water Witness baut eine Bewegung auf, die über das reine Lernen hinausgeht und tatsächlich mitbestimmt, wie das Thema angegangen wird.
Die Initiative für einen fairen Wasser-Fußabdruck ging aus der „Glasgow Declaration for Fair Water Footprints“ hervor, die auf der COP26 unterzeichnet wurde. Zu den Unterzeichnern zählen bereits Jugendgruppen. An unserem Kakao-Bericht war „Earth Guardians", eine unserer jugendlichen Unterzeichnergruppen, als Mitautor beteiligt und hat vor Ort in der Elfenbeinküste Daten erhoben.
Letzten Monat haben wir junge Menschen zu einer Konferenz über Wasser und Handel im Chatham House nach London eingeladen, gefolgt von einem Co-Design-Workshop. Das Ergebnis: eine Jugendstrategie für die nächsten 18 Monate und die Idee, ein Spiel zu entwickeln, das den Wasser-Fußabdruck der gesamten Lieferkette interaktiv und persönlich veranschaulicht. Denn wenn man es einmal vor Augen hat – meine Avocado zum Frühstück kam aus Peru, mein Zucker aus Malawi –, wirkt das ganz anders.

Wenn ein junger Mensch in London, Berlin oder San Francisco den Schritt vom passiven zum aktiven Handeln gehen möchte, was würdest du ihm heute als Erstes raten?
Deine Stimme ist dein stärkstes Mittel. Nutze sie, um Verantwortung einzufordern für die Gemeinschaften in den Lieferketten. Du stehst an deren Ende und das verschafft dir Einfluss.
Stell dir das einmal so vor: Wenn die Mineralien, aus denen dein Handy hergestellt wurde, jahrelang einen Fluss in deiner Gemeinde verschmutzt hätten, wie würdest du dann Veränderungen einfordern? Stell dir vor, es wäre deine eigene Geschichte. Sprich dann mit den Herstellern deiner Lieblingsmarken, schreibe an deine Supermärkte und frage sie, wie sie für einen fairen und nachhaltigen Wasser-Fußabdruck sorgen und wie sie die Menschenrechte schützen.
Wenn du in Großbritannien lebst, schließe dich der Kampagne „Inequality by the Gallon“ an und fordere ein britisches Gesetz zu Wirtschaft, Menschenrechten und Umwelt. Auf internationaler Ebene informiere dich und engagiere dich in unserer Arbeit zur Jugendstrategie. Der schnellste Weg, nicht länger Teil des Problems zu sein, besteht darin, Veränderungen zu fordern. Die Kraft liegt in dir.
Key Takeaways & Quotes
What stayed with us from this conversation.
Wasser ist in allem, was wir konsumieren, unsichtbar. Für den Anbau einer Avocado werden vier Badewannen voller Wasser benötigt, für eine Tafel Schokolade sogar sechzehn. Entlang globaler Lieferketten verlieren ganze Gemeinschaften den Zugang zu sauberem Wasser, damit andere ihre Produkte genießen können. Dieses Wissen verändert alles und echte Veränderungen beginnen damit, dass wir Fairness einfordern: durch unsere Stimme, durch unsere Kaufentscheidungen und durch politische Maßnahmen.
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